Szeneninformationen
Charaktere: Kwon Woo-Jin & Song Jieun
Szeneneinstellung: feste Postreihenfolge
Datum: 18. Juli 2026
Die Nacht lag warm über Incheon und tauchte die Straßen in ein Meer aus Licht. Hinter den gläsernen Fassaden der Hochhäuser spiegelten sich die Neonreklamen der Geschäfte, während Leuchtschilder in kräftigen Farben über den Gehwegen flimmerten und sich auf dem noch leicht feuchten Asphalt brachen. Autos glitten gleichmäßig durch die Straßen, Fahrräder zogen an den Bürgersteigen vorbei und aus den geöffneten Türen kleiner Restaurants drangen Gesprächsfetzen, Gelächter und der Duft von gebratenem Fleisch, Knoblauch und Sesamöl hinaus. Es war eine dieser besonderen Abendstunden, in denen die Stadt lebendig wirkte – geschäftig, laut und doch auf ihre eigene Weise beruhigend.
Dennoch, irgendwas lag in der milden Luft. Nah aber nicht greifbar genug, um den Leuten wirklich Angst zu machen. Noch nicht. Die Bildschirme über den Bahnsteigen zeigten Nachrichtensprecher mit ernsten Mienen und unter ihnen flimmerten Schlagzeilen über eine rätselhafte Krankheit auf. In den sozialen Netzwerken sprach ohnehin jeder darüber. Die einen lachten darüber und bezeichneten alles als 'Corona 2.0', andere diskutierten hitzig über Verschwörungstheorien oder behaupteten, die Regierung verschweige das Wichtige. Woo-Jin schenkte den Schlagzeilen kaum mehr als einen flüchtigen Gedanken. Krankheiten kamen und gingen. Menschen machten sich verrückt. Die Medien lebten schließlich davon, jede Kleinigkeit größer erscheinen zu lassen als sie eigentlich war. Wahrscheinlich würde in ein paar Wochen ohnehin niemand mehr darüber sprechen.
Viel wichtiger war ihm, dass sie heute wieder allein in der Spätschicht arbeitete. Mit ruhigen Bewegungen stellte er sein Fahrrad vor der ansonsten gut besuchtem Apotheke ab, schob den Ständer mit einem leisen Klicken herunter und strich sich eine dunkle Haarsträhne aus dem Gesicht. Am Lenker hing ein schlichter Pappbecher, aus dessen Deckel noch immer angenehme Wärme aufstieg. Genau die Sorte Kaffee, die Ji-Eun mochte und mit einem zusätzlichen Schuss Vanille, obwohl sie jedes Mal behauptete, das sei völlig unnötig. Er hatte trotzdem nie aufgehört ihn genauso zu bestellen.
Mit einem warmen Lächeln im Schlepptau griff er nach dem Becher, zog die Glastür vom Laden auf und wurde sofort vom vertrauten Duft nach Desinfektionsmittel, Kosmetikprodukten und sauberer Raumluft empfangen. Das helle Licht ließ den Verkaufsraum beinahe steril wirken, nur vereinzelte Werbeaufsteller lockerten die geraden Regalreihen auf, zwischen denen inzwischen eine fast ungewohnte Leere herrschte. Sein wacher Blick blieb für einen Moment an den Regalen mit Schmerzmitteln und Fiebermedikamenten hängen. Einige Fächer waren beinahe leer, auch Desinfektionsmittel schienen deutlich weniger geworden zu sein als noch vor wenigen Tagen. „Hm.“ Leise schloss sich die Tür hinter ihm. „Entweder halb Incheon hat plötzlich Kopfschmerzen-“, begann er ruhig, doch das jungenhafte Grinsen auf seinen Lippen vertiefte sich bereits. „... oder die Leute bereiten sich echt auf Corona 2.0 vor.“ Nach einer angedeuteten Verbeugung zur Kasse, dem üblichen Gruß, wenn man einen Laden betrat, hob er den Kaffeebecher selbsterklärend hoch. „Falls das so weitergeht, verkauft ihr morgen wahrscheinlich auch noch Vitamingummis zum Schwarzmarktpreis. Würde behaupten, nicht ganz so schlecht für's Geschäft?“ Seine braunen Augen wanderten schließlich durch den Raum bis sie die Gestalt der Verkäuferin fanden und, wie so oft, wirkte Ji-Eun konzentriert. Sie erledigte die letzten Handgriffe des Tages mit derselben stoischen Selbstverständlichkeit, die ihn schon beim ersten Mal hatte länger hinschauen lassen. „Ich habe übrigens zufällig einen Kaffee zu viel gekauft.“ Glatte Lüge, das wussten beide. Er trat an den Tresen heran und stellte den Becher vorsichtig vor ihr ab.
Ohne eine Antwort abzuwarten, lehnte er sich locker gegen den Tresen und ließ sein Interesse erneut durch die Apotheke schweifen. Fast automatisch fiel ihm auf, welche Produkte häufiger verkauft worden waren, welche Kartons bereits zum Nachfüllen bereitstanden und welche Regale beinahe unangetastet wirkten. „Brauchst du noch Hilfe?“ Woo-Jin zog los, in den Gang mit den Kosmetikartikeln und blieb dort wieder stehen. Ein kleiner Tester für Handcreme schaute ihn an. Neugierig nahm er die Tube in die Hand, gab eine winzige Menge auf seinen Handrücken und rieb sie langsam ein, dann verzog er nachdenklich die Lippen als er den Duft bemerkte. „Riecht irgendwie nach frisch gewaschener Bettwäsche.“ Noch einmal schnupperte er daran, um seine Einschätzung zu überprüfen. „... ist das jetzt im Trend?“ Ein belustigtes Schmunzeln huschte über seine sonnengeküsste Miene, ehe er die Tube wieder ordentlich an ihren Platz stellte.
Seine Finger glitten automatisch über die Kante des Regals, richteten einen leicht schief stehenden Werbeaufsteller wieder gerade und blieben dann kurz an einem kleinen Stapel Einkaufskörbe hängen, den er ebenso selbstverständlich ordentlich ineinanderschob. Er tat solche Dinge, ohne groß darüber nachzudenken. „Finde immer noch, dein Chef sollte dich abends, nicht alleine hier lassen.“ Dabei blieb sein Ton leicht, doch zwischen den Worten lag ehrliche Sorge. Er sah wieder zu ihr hinüber. „Mir ist klar, dass das hier völlig normal ist und wahrscheinlich jede zweite Apotheke das genauso macht, aber es fühlt sich trotzdem komisch an.“ Ein kleines Achselzucken unterstrich seine Bedenken.
Draußen fuhr ein Bus an den großen Fenstern vorbei, sein Licht glitt für einen Augenblick über den Boden der Apotheke und verschwand wieder in der Nacht. Ein Passant schlürfte draußen an der gläsernen Scheibe vorbei, ziemlich langsam, aber das war abends mal üblich. Nach Feierabend genehmigten sich viele Angestellte ein Bier zu viel bei den Imbissen. Für einen flüchtigen Moment wurde es still und der Sportler ließ seine Aufmerksamkeit zur Eingangstür wandern. Eine Angewohnheit, die ihm längst in Fleisch und Blut übergegangen war. Niemand kam rein, keine Störung.
Also, wandte Woo-Jon sich zu Ji-Eun um und schenkte ihr ein Lächeln, überging das Innehalten des Augenblicks gekonnt und wartete, was sie ihm von ihrer Schicht berichten wollte.
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Charaktere: Kwon Woo-Jin & Song Jieun
Szeneneinstellung: feste Postreihenfolge
Datum: 18. Juli 2026
Die späten Stunden zogen sich manchmal gefühlt ewig. Lästig wie Schleifpapier unter den Fingerspitzen, nicht gerade schmerzhaft, aber unangenehm. Trotzdem mochte sie die Spät- und Nachtschichten in der Apotheke, die auch manchmal für Notfälle geöffnet hatte. Akute Schmerzen oder was man sonst so bekam und sofort behandeln musste. Oder irgendwelche Idioten, die vergessen hatten, ihr Rezept früher vorbei zu bringen und sich nun über einen kleinen Aufschlag beschwerten. Nicht ihr Problem, sagte sie auch ganz offen, wenn derjenige auf die Idee kam sie anzublaffen. Die Tür war offen zu gehen, immerhin bekam sie keinen Bonus, wenn sie besonders viel verkaufte – wozu sich also unnötig viel Mühe geben? Sie machte den Job auch nur, weil sie das Geld für das Apartment und ihr Studium brauchte, für Alkohol und Zigaretten und die neuste Limited Edition von Junji Ito.
Für ihren Lohn musste sie kein falsches Lächeln aufsetzen, ebenso wenig unnötig höflich und formell sprechen. Lieber war es ihr ohnehin, wenn kaum jemand vorbei schneite, und sie einfach neue Chargen einsortieren konnte, alte aussortierte und statt sie wegzuschmeißen weil sie knapp abgelaufen waren, einzustecken. Natürlich ganz legal, naja…semi, aber zumindest mit ihrem Chef abgesprochen. Der ältere Mann war gütig und nahm vieles nicht ganz so strikt, und auch wenn sie sonst eine natürliche Abneigung gegen ältere Männer hegte, fand sie ihn ganz okay. Zumindest erträglich.
Sonderlich häufig lief sie ihm ohnehin nicht über den Weg, war er doch zu alt geworden, um Tag ein Tag aus in seinem Geschäft zu arbeiten und suchte händeringend jemandem, der die Apotheke übernehmen konnte.
Aber auch das, nicht ihr Problem.
Was jedoch ihr Problem war; störende Kunden. Unordnung im Laden oder Diebstahl, doch als sie nun bei dem kleinen Klimpern kurz den Blick hob und versuchte nicht ganz so feindselig dreinzuschauen, erkannte sie ein bekanntes Gesicht….das definitiv kein Kunde war. Ein Teil von ihr atmete erleichtert ein, ein anderer seufzte tief.
Zumindest nicht noch so ein Spinner wie vorhin.
Kurz hielt sie inne, hatte sie doch begonnen, die Theke und den Bereich dahinter neu zu ordnen, und ließ den Blick kurz dem von Woojin folgen, besah die halbleeren Regale, die ein wenig geplündert wirken. Wie der stille Vorbote einer weiteren Katastrophe. “Vermutlich Letzteres – ich hatte schon ein paar Durchgeknallte hier.” gab sie mit einem Schnauben von sich. Neben Verschwörungstheoretikern, auch einfach überbesorgte Kundschaft, die sich für die nächste Grippewelle wappnen wollte, oder für ihren fiebrigen Mann oder Kind Medikamente brauchte. “Zumindest über den Umsatz kann sich kein Schwein beschweren.” ihre Ruhe hätte Jieun trotzdem lieber, wollte keine tausend Fragen beantworten, immerhin war die Studentin weder Google, noch ChatGPT noch ein Apotheker. Nur eine verdammte Aushilfe. “Die Vitamingummis gibts schon, Regal 4, Reihe 3.” kam ihr die Antwort trocken über die vollen Lippen und nun seufzte sie doch, tief und langgezogen. Die Frage danach, was ihn um die Uhrzeit hertrieb, stellte sie inzwischen nicht mehr. Hatte sich damit abgefunden, dass er es genoss, sie zu nerven und seine “positive Energie” wohl einfach auch hier versprühen wollte. Vielleicht um ihr resting-bitch-face auszugleichen. “Genauso zufällig wie du immer hier vorbei fährst.” kommentierte sie also mit einem Augenrollen, aber statt den Kaffeebecher anzustarren als würde er sie mit einem giftigen Apfel umbringen wollen, nahm sie ihn tatsächlich an. Weil sie eh gleich Feierabend hatte, die letzten dreißig Minuten zogen sich wie Kaugummi.
Seine nächste frage entlockte ihr ein weiteres, fast abfälliges Schnauben, so dass sie sich fast an dem dunklen Kaffee mit dem Vanilleshot verschluckte. Mit einem Räuspern deutete sie überdeutlich nach links. “Wenn du nichts Besseres zu tun hast, als sich in deiner Freizeit von Pharmaunternehmen ausbeuten zu lassen, nur zu. Vorhin war so ein Spinner da, der die Hälfte des Regals ausgeleert hat. Ich kam noch nicht dazu, es wieder ganz zu richten.” ihre zusammengezogenen Augenbrauen und der Zug um ihre Lippen zeigte, wie seltsam sie den Vorfall wirklich befand. “Einige der Kunden stehen etwas neben sich und mich würds nicht wundern, wenn´s bald wieder zu weiteren Panikkäufen kommt. Nicht nur hier, sondern auch wieder Klopapier und so ein Scheiß.” warm rann ihr der Kaffee den Hals hinab, während sie den Becher abstellte. Mit wachsenden Kopfschmerzen beobachtete sie wie ihr Besucher nicht nur Handcreme probierte, sondern auch Einkaufskörbe ordnete, als wäre es wirklich seine Aufgabe. “Mir ist Waschmittel lieber, als wenn ich jedes Mal das Gefühl habe in einer klebrig-stickigen Parfümerie zu sehen, nur weil jemand Gratisproben leert.” so zuckte sie also leicht mit den Schultern, ob es nun Trend war, wusste sie nicht und ausprobiert hatte sie die Handcreme selbst auch nicht. Dafür diverse Schmerzmittel und -cremes sowie Gele, für ihren Knöchel, oder besagte Kopfschmerzen. Gutmenschen wie ihn würde sie nie verstehen, die über eine Duftnuance lächelten, wie selbstverständlich und ohne Vorteil für sich aushalfen, während die Welt um sie herum in Semi-Hysterie versank.
Die nächste Aussage jedoch ließ sie die Arme verschenken und ihn beinahe über den Tresen hinweg anfunkeln. “Ich kann auf mich aufpassen, also hör auf mit der Leier.” schnappte sie leicht und schüttelte abwehrend den Kopf. “Da wir nur Kartenzahlung nehmen, gibts hier an Geld nichts zu holen, und wer irgendwelchen “Stoff” will, ist hier auch falsch und sollte es lieber im Krankenhaus probieren. Notfalls werf ich halt mit nem Granitmörser oder einem Nachfüllkanister an Desinfektionsmittel – wobei die gerade etwas knapp sind..” sinnierte sie also mit höchst ironischem Unterton um ihm aufzuzeigen wie lächerlich seine sorgenvollen Gedanken für sie erschienen. ”Du, bist komisch.” betonte Jieun also, dabei war komisch für ihren sonstigen Wortschatz fast schon freundlich. Nachdem sie nun mit der Theke und dem Hauptbereich der kleinen Apotheke fertig war, schob sie sich um den Tresen herum, peilte den gang an, der vorhin durcheinandergebracht worden war, hatte der Kerl doch Packungen aus dem Regal gerissen und war bei ihrer nicht sonderlich netten Ansprache, etwas unkoordiniert davon gestolpert, so dass er einen Aufsteller verschoben und ein paar dortig ausgestellten Waren durch den Zusammenprall herunter gepurzelt waren. “Bin ich froh diesen lächerlichen Aufzug abzulegen..” murrte die Schwarzhaarige in sich hinein, zupfte an dem Kittel mit Schild und Logo, immerhin durfte sie hier nicht einfach im Privataufzug chillen und Medikamente und Haushaltsmittel verkaufen.
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Charaktere: Kwon Woo-Jin & Song Jieun
Szeneneinstellung: feste Postreihenfolge
Datum: 18. Juli 2026
Durchgeknallte. Allein das eine Wort genügte, damit sämtliche Alarmglocken schrillten und die Sorge um sein Kätzchen nochmal mit voller Wucht zurückkehrte. „Will ich wissen, wie durchgeknallt die waren?“ Schlechte Frage, nächste Frage. Woo-Jin blinzelte über ihr wie immer gut vernehmbares Schnauben hinweg. „… solange der Rubel rollt, nur zu.“ Gönnen tat er den Umsatz der Apotheke, mit Glück, äußerte sich das in einem satten Trinkgeld. Er wusste nicht, ob selbständige Besitzer in der Pharmazie gewisse Prämien zahlten, aber es wäre schon was Feines einen derart fleißigen Mitarbeiter für seine Dienste zu loben.
Ein warmes, beinahe lautloses Lachen löste sich aus seiner Brust. Es war kein Lachen, das den Raum füllte oder Aufmerksamkeit verlangte, vielmehr eins, das sich ganz selbstverständlich über alles legte, ohne zu beschweren. „Regal vier, Reihe drei?“, wiederholte er mit gespielter Ernsthaftigkeit und nickte anerkennend. „Gut zu wissen. Falls die Welt tatsächlich untergeht, weiß ich wenigstens, wo ich die überlebenswichtigen Vitamingummis finde.“ Der Sportler sah einmal in die besagte Richtung und überging den trockenen Inhalt ihres Kommentars.
„Zufälle gibt's.“ Amüsiert hoben sich seine Mundwinkel, nicht übertrieben, sondern mit dieser ruhigen Leichtigkeit, die ihn so natürlich begleitete. Ebenso selbstverständlich schwieg er darüber, dass Ji-Eun den Kaffee tatsächlich annahm und trank. Er hätte sie damit aufziehen können, stattdessen genügte ihm der kleine Anblick des Bechers in ihrer Hand. Mehr Bestätigung brauchte er nicht.
Die Berichterstattung über einen merkwürdigen Kunden ließ ihn die Lippen verziehen als er ihr andächtig lauschte. Seine dunkelbraunen Augen glitten durch den Verkaufsraum der Apotheke. Die Lücken in den Regalen fielen ihm sofort auf, auch der schief stehende Aufsteller und die verstreuten Packungen erzählten ihre ganz eigene Geschichte. Noch vor wenigen Tagen hätte wahrscheinlich niemand den Medikamenten auch nur einen zweiten Blick geschenkt. Jetzt schien plötzlich jeder für etwas vorsorgen zu wollen, das niemand so recht benennen konnte. „Menschen haben ein erstaunliches Talent dafür, sich gegenseitig anzustecken.“, meinte er nachdenklich. „Nicht nur mit Krankheiten.“ Hamsterkäufe waren das beste Beispiel und die Erwähnung einer möglichen, erneuten Klo-Papier-Knappheit ließ ihn nur halb belustigt den Haarschopf hin- und her wiegen. Oh, man.
Ihr noch immer zuhörend, ging er in die Hocke und hob die ersten Schachteln vom Boden auf. Seine Bewegungen wirkten ruhig, beinahe routiniert. Jede Packung fand ihren Platz zurück, jede Beschriftung zeigte nach vorn. Vielleicht, weil Unordnung ihn störte. Vielleicht auch, weil er wusste, dass Ji-Eun garantiert Besseres tun könnte als das Chaos anderer aufzuräumen. „Wenn wir das jetzt erledigen, kannst du morgen wenigstens direkt schlechte Laune haben, ohne vorher Regale sortieren zu müssen.“, plädierte er gekonnt drauflos. „Ich habe nichts Besseres zu tun, außer meine Zeit dir zu schenken. Ob, du willst oder nicht. Das gar keine Option.“ Ein verschmitztes Lächeln huschte über sein Gesicht, ehe er den verrutschten Aufsteller mit einem leichten Druck wieder ausrichtete. Erst als alles stimmig aussah, richtete er sich wieder auf.
Sein Blick blieb kurz auf dem kleinen Handcreme-Tester hängen, weil sie der Duft an Waschmittel erinnerte. Darunter gab's einige Gute. Er mochte es, wenn seine Wäsche angeblich nach 'Blütenzauber' roch, auch wenn das irgendwie eine fragwürdige Neigung war - rührte sicherlich daher, weil er blumige Nuancen durch seine kleine Schwester gewöhnt war. Sie ähnelte wirklich einer hübschen, gut duftenden Rose. „Sollten wir auf'm Heimweg noch Klopapier besorgen?“ Sollte der Wunsch bestehen, könnten sie das umsetzen und sich der groben, hysterischen Allgemeinheit anschließen.
Selbst aus der Entfernung spürte er das Funkeln ihrer Augen im Nacken kribbeln, warum er eine Hand hob und sich über genau diese Stelle mit der Hand fuhr. Er machte sich daran die Kartons zu leeren und die Packungen darin, richtig einzusortieren.
Ihre Zurechtweisung kam prompt, weil die Brünette sofort insistierte, dass sie auf sich allein aufpassen konnte. Er begegnete ihrem entschiedenen Blick ohne jede Spur von Trotz, bloß mit der gleichen Sanftheit wie immer. „Das weiß ich.“ Mehr sagte er zunächst nicht. Seine Stimme blieb ruhig und angenehm tief, frei von jeder Belehrung. „Ich glaube sogar, dass derjenige, der versucht, dich auszurauben, am Ende deutlich schlechter aussieht als vorher.“ Nach einer Kunstpause fügte Woo-Jin dazu: „Der Gedanke bleibt trotzdem unschön, dich hier allein zu wissen.“ Beide widmeten sich unterschiedlicher Arbeit. Sie - am Tresen, er - bei den Regalen. beiläufig wanderte sein Fokus zum Platz, wo er ihre private Tasche vermutete. Hinter der Kasse. Später, wenn sie im Lager verschwand und abschloss, würde er ihr klammheimlich eine kleine Dose Pfefferspray einstecken und einen Safety-Lock, den sie aktivieren konnte, wenn sie angegriffen wurde. Dann piepte das Ding, wie verrückt los. Sie würde sich furchtbar darüber aufregen, sobald sie alles fand und ihn bestimmt beim nächsten Treffen einen Idioten schimpfen, doch das nahm er in Kauf.
Fast zeitgleich warf die Kleine ihm vor 'komisch' zu sein und tja, Recht behielt sie und er nahm es um Haaresbreite als Kompliment an. In ihrem Jargon war es sicherlich eins. Er strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn und klopfte sich schließlich zufrieden die Hände ab, nachdem er mit dem Einsortieren fertig war. Die Zufriedenheit darüber war ihm ehrlich anzusehen.
„Sieht seriös aus.“ Per Nicken deutete er auf den Kittel, an dem Ji-Eun zupfte als sie die Nachbearbeitung der Kasse abschloss und den Tresen verließ. Ihm fiel schrecklich genau auf, wie klein sie im Vergleich zu ihm wirkte und automatisch lehnte er sich ein Stück nach hinten, fand abgestützt mit dem Körper an einer freien Wand Halt. Er verschränkte lässig die Arme vor dem Oberkörper und schaute nochmal durch den Laden.
„Wenn du hier fertig bist, worauf hast du eigentlich Hunger?“ Kaum hatte er ausgesprochen, hob er mit einem amüsierten Grinsen den Zeigefinger. Er ließ ihr gar nicht erst die Gelegenheit, ihn zu unterbrechen. „Du isst was, bitte, du wirst sicher Hunger haben.“ Nebenbei zog er aus der Innentasche seiner Jacke zwei Eintrittskarten hervor, die er zwischen den Fingern leicht hin und her drehte, bevor er sie anreichte. „Ich habe nur den starken Verdacht, dass Kaffee inzwischen einen viel zu großen Teil deiner Ernährung ausmacht. Das ist selbst für eine Apotheke medizinisch fragwürdig.“, schloss er mit seiner kleinen Einmischung in ihr Leben ab.
„Nächste Woche spielen wir wieder. Falls du Zeit findest, lass' dich doch mal blicken. Die Sitze sind in der Loge. Rechts und links neben dir sitzt niemand. Du hast gleich zwei Plätze für dich." Wer genau hinsah, der konnte den militanten Schimmer einer leichten rosartigen Färbung auf seinen Wangen erkennen, die er durch ein neuerliches Lächeln zu verbergen versuchte. „Wäre eine Abwechslung mal ein Gesicht auf der Tribüne zu sehen, das ich tatsächlich kenne.“ Das war doch nicht zu offensiv?
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Charaktere: Kwon Woo-Jin & Song Jieun
Szeneneinstellung: feste Postreihenfolge
Datum: 18. Juli 2026
“Nur so..” sie schien kurz zu überlegen und zuckte dann mit den Schultern. “..zwei-, dreihundert Gehirnzellen weniger als sonst.” Dass selbst sie dabei ein schlechtes Gefühl bekam, äußerte die Studentin nicht. Sie war weder paranoid, noch überempfindlich. Aber das Verhalten und die Gerüchte zogen nicht an ihr vorbei, sie war nicht blind – im Gegenteil. Sie beobachtete ihre Umgebung, war geschult, nicht in unsichtbare Fallen zu tappen und sich einengen zu lassen. Unangenehme Situationen und Momente zu vermeiden, noch bevor sie entstehen konnten. Gab es doch genug Erlebnisse, die einschnitten und weh taten, sie stumm folterten. Und aus ihrer Haut konnte sie niemals raus, egal wie sehr sie diese abstreifen wollte. Zumindest ihren Geburtsort hatte sie hinter sich lassen können, genauso wie ihren Erzeuger. Wie dunkle Gewitterwolken schwebten die Gedanken daran manchmal über ihr und hafteten wie klebrig schwarzes Pech auf ihrem Körper.
Gerade aber wurde sie sich warmer Augen bewusst, die auf ihr lagen, auch ohne seine Lippen zu betrachten, bemerkte sie das Lächeln, welches auf ihnen lag. Doch entschied sie sich dazu ihn zu ignorieren, zu tun, als würde sie es nicht bemerken, weil es sich anfühlte als hätte sie verloren, während sie an dem warmen Getränk nippte, dass einen frühzeitigen Feierabend etwas angenehmer einläutete, als das helle Klimpern der Eingangsglocke oder eine Kippe die ihre Lungen mit brennendem Qualm füllte. “Dabei hätte ich gedacht, dass du haargenau weiß, wo du das Zeug auftreiben kannst, so als Gesundheitsfanatiker.” Mit beliebten Sportlern hatte sie sonst nichts am Hut, absolut nicht. Die Meisten waren protzige Idioten, bescheuerte Gymbros oder Fuckboys, die man nicht öfter als einmal sehen oder mit einer Kneifzange anfassen wollte. Woojin, war nichts davon. Er war seltsam… gut. Und das irritierte. Es stieß sie ab und hielt sie gleichzeitig an Ort und Stelle. Warum auch immer er seine Zeit mit ihr verschwendete. Einer Außenseiterin, die kein Interesse daran hatte reinzupassen, Freundschaften zu schließen oder sich zu verbiegen um in heile, perfekte Welten zu passen, für die sie zu verformt war.
“Dummheit scheint mir fast am ansteckendsten.” kommentierte sie also, hoffte wirklich, dass man ihr zumindest Reinigungstücher übrig ließ, wenn man Klopapier schon bunkerte – und auf Maßnahmen, die sie dazu befähigten, sich einfach in ihrem Apartment zu verschanzen. Online-Seminare und Kurse, das wär's. Keine unnötig langen Tage mehr in der Uni, keine überfüllten, lauten Mensen und nervige Menschen. Perfekt. “Bock auf Home Office und Quarantäne hätte ich schon,” gab sie also zu und atmete kurz das Aroma von Kaffeebohnen und Vanille ein, ehe der Hauch von Waschmittel zu ihr hinüber wehte. Dann verzog sie das Gesicht, als hätte sie in einen sauren Apfel gebissen, oder sich den kleinen Zeh übel gestoßen – vielleicht beides. “Ich tu einfach so, als hättest du das nicht gesagt." Er war furchtbar. Furchtbar lieb und sonnig, so dass es beinahe blendete.
Jieun schüttelte sich kurz sichtlich. “Meine schlechte Laune ist unheilbar,” hatte sie sich ein Stempel hoffnungslos-ruiniert, doch schon längst gesetzt oder einbrennen lassen. “Aber dein unermüdlicher Versuch ist beinahe ehrbar und fast so verrückt, wie das was vielleicht bald hier abgeht. Wer weiß schon, wie sich die Lage entwickelt. Selbst wenn es nur eine Grippewelle ist..” sie selbst war hartnäckig, wurde nicht schnell krank. Aber sie wusste, dass es immunschwache Personen gab…in seiner Nähe. Auch wenn sie sich bemühte, keinen Blick zu seiner Familie zu werfen, nicht zu schnüffeln, weil es sie nichts anging, sie die perfekte Fassade kaum glauben konnte, oder wollte und das Wort allein ein rotes Tuch für sie selbst war.
“Pff-” gab sie dann doch fast schon ein kurzes Auflachen von sich, ungeplant perlte es einfach über ihre Lippen ehe sie diese zusammen presste. “Nein, noch scheiß ich mir nicht vor Angst ein und für den normalen Gebrauch hab ich noch genug Zuhause.” noch während sie sprach, zuckten ihre oftmals hinab zeigenden Mundwinkel verräterisch.
“Eine Packung Zigaretten könnte ich am Automaten aber durchaus noch mitnehmen,” und dass ihm dieser Einkauf nicht gefallen würde, wusste sie. Davon abhalten tat es sie jedoch nicht, auch wenn sie die größte Phase ihres selbstzerstörerischen Verhaltens in ihrer alten Heimat zurückgelassen hatte, das hier und jetzt nur ein schwacher Schatten davon war. Der warme, jedoch feste Blick, den er ihr beim einsortieren zuwarf, hielt sie beinahe davon ab, sich von der Theke zu entfernen und näher zu kommen, aber sie war kein Feigling und starrte stattdessen stur entgegen. “Gut,” kommentierte sie also knapp und hätte sich gewünscht, er wäre bei seinen Worten geblieben, statt noch etwas hinzuzufügen. So wollte sie nicht, dass sich irgendwo in ihr etwas rührte. Nie hatte es irgendjemanden gschert wie es ihr ging, oder besorgt. Man hatte sie einfach verlassen und zurückgelassen…bei..bei diesem Bastard. So presste sie also erneut missbilligend die Lippen aufeinander. Wenn er wüsste, würde er sich nicht um solche lächerlichen Szenarien scheren. Doch sie wollte nicht, dass er auch nur etwas davon ahnte. “Verschwendete Zeit und Gehirnkapazität.” Scheinbar jedoch wandte er gern unnötig viel Energie auf, um Gutes zu tun.
“Tja, ich muss ja zumindest einen Funken Vertrauenswürdigkeit ausstrahlen und ein Shirt mit dem Aufdruck “Eine Kugel – in den Kopf bitte” würde das nicht gerade tun,” witzelte sie, besaß Jieun doch tatsächlich Shirts mit schwarzhumoristischen Sprüchen und dunklen Aufdrücken. Aber selbst eine Lederjacke oder ein schlichter schwarzer Pullover hatten hier leider nichts zu suchen. Seriös ebenso wie Hygiene waren gewisse Schlagworte, wenngleich letzteres im Krankenhaus deutlich mehr Gründe hatte als hier. Kurz blinzelte sie auf die plötzliche Ordnung hinab, ehe sie den Kopf hob, um langsam zu ihm aufzusehen, erschien der Gang doch schon wieder ansehnlich. “Huh, das ging schnell…” und das Lob dahinter schwebte unausgesprochen in dem Hauch von freundlichen Worten, die so selten ihre Zunge verließen. Noch während sie ablehnend den Mund öffnete, den Einwand fallen ließ, dass ein Lungenbrötchen reichte, oder eben der Kaffee, den er ihr mitgebracht hatte, fiel er ihr schon ins Wort und sorgte erneut dafür, dass sie mit den Augen rollte. “Weil ich weiß, dass du eh weiter nervst..” lenkte sie also ein, auch wenn sie beim hinein lauschen in ihren Körper kein knurrenden Magen wahrnahm, nur eine gleichgültige Leere die mit ein paar Schlücken Kaffee erwärmt worden war. “Maeun Tteokkochi oder Buldak Kkochi” immerhin waren Spieße praktisch zum Essen, wenn man unterwegs war, und wenn sie schon einen Late Night Snack runter zwingen musste, dann einen schön scharfen. “Hm?” kurz blinzelte sie die Karten die er ihr hinhielt, verständnislos an, ehe seine Worte dazu einen Sinn woben. “Ah..” sonderlich begeistert klang sie nicht, immerhin war Sport wirklich nichts für sie, wenn man vom Tanzen absah…welches ihr ohnehin geraubt worden war. Bitterkeit stieg ihr kurz im Hals auf, doch dann deutete sie ein leichtes Nicken an. “Ich..schaue ob ich Zeit finde. Falls ich fürs Arbeiten eingeteilt bin, findet sich vermutlich schon irgendwer,” wich sie aus, ohne direkt abzusagen und sie wusste, dass sie sich wieder jeder Logik auf der Tribüne wiederfinden würde. Der Gedanke, dass er extra zwei Tickets besorgt hatte, damit sie keine Sitznachbarn hatte, schwirrte kurz seltsam in ihrem Kopf, ehe sie die Hand ausstreckte und die Tickets einkassierte. Bevor sie also die Tickets zurück zu ihrem Rucksack brachte und dort verstaute, warf sie ein Blick in sein Gesicht und auch wenn das kaltweiße Licht ohnehin alles bleicher färbte, meinte sie, eine gewisse Farbänderung in seinem Gesicht zu entdecken. “Du wirst aber nicht krank, oder?” dass sie selbst bleich war und dunkle Ringe unter den Augen hatte, gehörte zu ihrer Natur. Sein Teint jedoch gehörte eher zu der Kategorie honiggold. Die Augen kniff sie leicht zusammen, schob es auf die Beleuchtung, ehe ihr ein kleiner Farbklecks am Boden ins Sichtfeld stach. Direkt neben dem zuvor verschobenen Aufsteller und dem verwüsteten Regal, welches nun wieder ordentlich und friedlich wirkte. “Was zum..” kurz hockte sie sich hin und betrachtete den dunkelroten Fleck. Sah aus wie geronnenes Blut. “Nicht wirklich hygienisch..naja die Putzfrau kommt eh..." sie hob den Blick einmal rasch zur Wanduhr, "gleich, um den Laden einmal ordentlich zu reinigen.” somit erhob sie sich also, auch wenn das mulmige Gefühl nicht gleich verschwinden wollte.
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Charaktere: Kwon Woo-Jin & Song Jieun
Szeneneinstellung: feste Postreihenfolge
Datum: 18. Juli 2026
Durchgeknallte mit zwei- oder dreihundert Gehirnzellen weniger? Die Beschreibung wurde immer wilder und das warme Lächeln auf seinen Lippen entglitt ihm, wechselte in nachdenkliche, ehrliche Besorgnis, warum sein Gesicht eine Gradwanderung aus Missbehagen und Überlegung zeigte. „Das wäre immerhin eine medizinisch interessante Diagnose.“, erwiderte Woo-Jin ruhig, während er die letzte Schachtel an ihren Platz schob. „Wobei ich fürchte, dagegen helfen nicht mal die Vitamingummis aus Regal vier.“ Einmal wanderte sein Augenmaß über die ordentlich ausgerichteten Packungen. Fast automatisch strich er mit den Fingerspitzen über eine leicht hervorstehende Schachtel und schob sie einen Zentimeter zurück. Der Teufel steckte im Detail.
„Gesundheitsfanatiker? Autsch.“ Gespielt gekränkt fasste der Hüne sich an die Brust und rieb mit der flachen Hand über sein Herz, das Ji-Eun angriff. Mehr als ihnen beiden bewusst war. „Gegen Dummheit kann man sich heilen lassen. Braucht bloß Wille und Übung. Just saying.“ Schulterzuckend lehnte er sich entspannt gegen die freie Wandfläche im Laden, wo früher mal ein Spiegel gehangen hatte, jetzt aber nicht mehr da war. Das Teil war ihnen mehrmals kaputt gegangen, weil angetrunkene Gäste nicht immer klar bei Verstand Dinge taten, die andere Dinge kaputt machten. Er schob bei ihrer Äußerung zum Home-Office die Unterlippe mäkelnd vor, denn ihm würde das überhaupt nicht in den Kram passen. Ji-Eun würde sich einigeln in ihrem Apartment und gar nicht mehr vor die Tür kommen, außer für ihren Nebenjob und zur Essensbesorgung.
Über ihre mimische Kunst im Nachklang, weil seine lieben Worte sie einmal innerlich und äußerlich durchschüttelten, schnaufte der (B)Engel. „Ich mag deine schlechte Laune, gleicht meine Gute aus. Dann ist alles in Balance.“, gab er zu und ließ seinen aufmerksamen Blick für einen Augenblick durch die Schaufensterscheibe nach draußen gleiten. „Tatsächlich glaube ich aber, dass du in Wahrheit gar keine richtige, schlechte Laune hast.“ Du bist nur ziemlich gut darin, Menschen glauben zu lassen, sie sollten lieber Abstand halten. Es war eine Beobachtung, die ihm längst durch den Kopf gegangen war, ohne dass er sie je aussprach. Er wollte ja nicht Gefahr laufen, dass seine Beste ihm eins mit der Keule über den Hinterkopf zog.
Die Straße draußen wirkte noch immer belebt. Ein Pärchen schlenderte lachend über den Gehweg, irgendwo summte das Neonlicht eines geöffneten Convenience Stores, ein Lieferroller verschwand mit aufheulendem Motor in der nächsten Seitenstraße. Alles sah aus wie an jedem anderen Abend. Er wusste selbst nicht genau, weshalb ihn das Gefühl beschlich, dass die Stadt heute anders klang. „Schätze mal, dass in ein paar Wochen keiner mehr darüber spricht. Über diese neue Krankheit, Hamsterkäufe ...“, meinte er schließlich und zuckte leicht mit den Schultern. „Irgendwas findet sich immer, worüber die Nachrichten sich als Nächstes aufregen können.“ Simpler Fakt. Und, doch das mit der neuen Grippewelle .. an der These hörte Woo-Jin sich fest, weil er an seine kleine Schwester dachte, die als Kind jeden Infekt mitnahm und nicht gerade die beste gesundheitliche Verfassung mitbrachte. Impfungen waren auch so eine Sache, denen er kritisch gegenüberstand.
Ihr geäußerter Wunsch nach neuen Zigaretten löste in ihm eine mentale Debatte für Vor- und Nachteile vom Rauchen aus, die er ihr ersparte. Ji-Eun besaß da taube Ohren. „Na gut.“, seufzte er gespielt ergeben. „Dann handle ich eben einen Kompromiss aus. Erst isst du was Vernünftiges-“ Beschwörend hob er den Zeigefinger in die Luft und zog einen Kreis durchs helle Licht. „.. danach darfst du mich enttäuschen.“ Mehr sagte er dazu nicht. Manche Kämpfe gewann man nicht, indem man sie mit Ach und Krach führte.
Etwas verspätet reagierte Woo-Jin noch auf ihren Einwurf, wie schnell er die Regale wieder voll bekam, und zupfte sich stolz am Kragen seines Pullovers entlang, um zu zeigen, dass ihr Nicht-Lob ankam, bevor er nochmal auf ihren Kittel sah. „Du trägst drunter doch bestimmt eines deiner T-Shirts mit krassen Spruch oder Aufdruck deiner Lieblingsbands.“ Im Kopf ging er bereits die Imbisse und Straßenverkäufer durch, wo beide das beste Maeun Tteokkochi und Buldak Kkochi bekamen. Er aß nicht sonderlich gern scharfes Essen, wollte sich vor ihr aber auch nicht blamieren. Eine Bananenmilch im Abgang würde er allerdings auf jeden Fall benötigen, um nicht wie ein Drache Feuer zu speien, wenn das Mahl aufgegessen war.
Großartige Begeisterung erwartete der Sportler nicht als Ji-Eun die Karten für sein Baseball-Spiel annahm. Allein, dass sie die Karten einsteckte, reichte ja schon, um seine Nase noch ein Tick rötlicher aufblitzen zu lassen und als sie das sogar bemerkte, flammten seine Ohren rot überführend mit auf, warum er sich gegen die latente Hitzewelle in seinem Körper wehrte und etwas verhalten hüstelte, bevor er sich die Haare tarnend über die Ohren schob. Woo-Jin wollte gerade erklären, dass er nicht kränkelte und das Rad fahren als Ausrede vorschieben, da fand sein Kätzchen am Boden einen Farbklecks der eindeutig nach geronnenem Blut aussah.
„Wehe dir.“, warnte der Sportler aus der Höhe und hob leicht das Bein seitlich, damit er die hockende Jobberin gegebenfalls davon abhalten konnte, ins Blut oder die Farbe zu patschen, die sie da gerade näher betrachtete. „Über Körperflüssigkeiten verteilen sich die meisten Infektionen schneller als du Kaugummi sagen kannst. Da hat sich dein chaotischer Freund von eben irgendwo verletzt. Hast du was an ihm gesehen?“ Mit seinen Augen verfolgte er den Weg vom Fleck hinüber zu dem Regal zurück. Unbewusst wanderte sein Blick noch einmal zur Eingangstür, hinter der die Lichter der Stadt weiterhin friedlich über den Asphalt tanzten.
Ji-Eun kam wieder auf die Beine und er wies mit der ausgestreckten Hand nach hinten in die Apotheke. „Du hast Feierabend.“ Das Ticken der Wanduhr zur vollen Stunde bestätigte beiden das Ende ihrer Schicht. „Machen wir Platz, damit die Putzfrau sich gleich austoben kann. Ich warte hier auf dich, dann können wir gleich los.“ Seine Beste musste noch den Kittel ausziehen, weghängen, die Schuhe wechseln und er würde ihre kurze Abwesenheit hier vorne nutzen, um ihr die gekauften Sachen zur Selbstverteidigung in ihre Tasche zu schmuggeln, die sie immer hinter dem Tresen aufbewahrte.
„ ... oder halte draußen Stellung? Vielleicht willst du dir ja noch die Nase pudern. Hast du zwar nicht nötig, aber das ja so'n Frauending.“, betonte er charmant lächelnd und ein verräterisches Zucken zeigte sich in seinem linken Mundwinkel, weil er wusste, dass sie nicht gerade zu den sehr bemühten Frauen zählte, die Stunden im Bad verbrachten, aber während der Arbeit auf Klo zu gehen war in einer unterbesetzten Apotheke sicher auch nicht möglich. Also, wollte er ihr Zeit vermitteln, die sie sich getrost nehmen sollte.
Szeneninformationen
Charaktere: Kwon Woo-Jin & Song Jieun
Szeneneinstellung: feste Postreihenfolge
Datum: 18. Juli 2026
Das Mienenspiel des Sonnenscheins war beinahe so einfach zu lesen wie ein geöffnetes Buch, schien er doch gar nicht verbergen zu wollen, wie viele Gedanken er sich machte, oder aber es war ihm nur hier und jetzt schnuppe. Im krassen Gegensatz zu dem herabfallenden Lächeln stand ihr eigener, eher argwöhnischer Ausdruck, eine Mischung aus Ironie und verdrängter Mulmigkeit, die sich unterschwellig festklammerte. “Vor allem aber eine weit verbreitete,” warf sie ein, wollte mit ihrer semi-Lästerei fast schon etwas die Stimmung lockern. Die Beklommenheit, die fast greifbar in der Luft hing, grob beiseite stoßen. Die meisten Menschen fand sie jedoch wirklich dumm – nicht einmal aufgrund niedriger Intelligenzquotienten, sondern einfach auf menschlicher Ebene. Konnten sie ihr doch gestohlen bleiben mit ihren perfekten Leben und Plänen, ihren heilen Familien und großen Träumen und Wünschen. Die Menschheit war nun mal nicht einfach heilbar, nicht unfehlbar – nicht umsonst brannte die Erde unter ihren Fingerspitzen. Also ließ sie ein Schnauben hören, fragte sich ob sie aus Jucks die Gummibärchen mit zugesetzten Vitaminen einstecken und ihm unterjubeln sollte um ein stummes Statement zu setzen, ehe er ihr ein weiteres, eindeutiges Schnauben entlockte. “Nur die Wahrheit. Aber deine Gesundheit ist nun mal dein Kapital, oder so,” betont desinteressiert zuckte Jieun mit den Schultern. Nicht, dass sie je darauf achtete, wie fit er war, sicherlich nicht. “Im Gegensatz dazu, muss ich nicht Stunden rumrennen oder irgendwas mit einem Schläger hauen,” auch wenn der Gedanke an einen Rageroom manchmal etwas verlockendes hatte. Einfach mal alles kurz und klein schlagen und die Wut nicht nur in sich hinein zu fressen, nicht nur durch eine spitze Bemerkung und eine gewisse verbale Bissigkeit rauszulassen.
Ihre zusammengezogenen Augenbrauen und die leicht gekräuselten Lippen zeugten eindeutig von ihrer “Überzeugtheit”, als er von der Heilung menschlicher Dummheit sprach. “Viel Spaß, wenn du´s versuchen willst.” ihr war es zu viel unnütze Mühe, setzte sie sich doch lieber einfach nicht mit Anderen auseinander. Eigentlich jedenfalls. Die Ausnahme stand gerade hier in der Apotheke und schmollte über ihre Begeisterung bezüglich social distancing. Konnte ja nicht jeder in der Bewunderung und Aufmerksamkeit anderer schwimmen und gedeihen.
“Balance,” echote sie tonlos und presste kurz die vollen Lippen aufeinander, fühlte sich durch seine folgenden Worte…beinahe ertappt. Nur kurz hielt die unangenehme Welle an, die durch ihr Inneres schwappte, ehe sich die Wogen glätteten und so auch einen Herzschlag später ihre Gesichtszüge. “Naja, ich hab gleich Feierabend, so übel kann es also nicht mehr sein,” rechtfertigte sie dann beinahe, schob es auf den Moment und nicht auf einen Allgemeinzustand der verdammt genau zutraf. Ansehen tat sie ihn dabei nicht und war froh, dass er genauestens noch ein paar Schachteln richtete, ordentlicher als sie als Mitarbeiterin…die dafür bezahlt wurde. Stumm schüttelte sie den Kopf und atmete langgezogen aus. Schlussendlich würden sie ohnehin nur sehen können, was auf sie zukam, wenn es soweit war. Fast als hätten sie keine Kontrolle über ihr Leben und die Studentin hasste es. “Zum Beispiel irgendwelche Promi-Skandale, oder neuen Hype-Produkte, die man unbedingt kaufen muss, weil man ohne nicht überleben würde?” kommentierte sie also zynisch klingend, immerhin war es ziemlich abgefuckt, dass sowas echte Probleme unter den Teppich kehrte. Als würde man in einer surrealen Realität existieren.
“Wenns sein muss,” stimmte sie seinem Kompromiss, wie er es nannte, relativ einfach zu. Zumindest für ihre Verhältnisse, ohne Diskussion, wenn und aber, oder widerspenstige Ablehnung. Aber manchmal war alles davon bei ihm vergebliche Müh. Bekam er bei ihr doch öfter seinen Willen, als ihr lieb war oder sie zugeben würde, hoffte einfach, dass es weiterhin unbemerkt und vor allem un angemerkt vonstatten ging. “Meine Spezialität,” schmunzelte sie beinahe ein wenig und ließ kurz ein schiefes Lächeln sehen. Doch wer nicht versuchte, andere stolz oder glücklich zu machen, scheiterte auch nicht daran, hatte sie ihren Status des Enttäuschens doch nicht nur akzeptiert, sondern verfeinert. Bodenlos scharfes Essen klang heute aber tatsächlich nicht so übel, somit würde der Kaffee nicht einsam am Abend in ihrem Bauch herum schwappen, wenn sie sich in ihrem Bett herumwälzte. Der Nachteil wäre nur, das Brennen in ihrem Hals und auf ihrer Zunge, falls sie nach schlechten Träumen aufwachte. “Darauf könntest du Wetten, und 9 von 10 Mal richtig liegen.” immerhin verbot man ihr nicht unter dem Kittel etwas persönliches zu tragen.
Eine Einladung hatte sie nicht erwartet, noch weniger, aber sichtbar rote Wangen, die bei ihr so etwas wie Sorge aufflackern ließen. So konnte er von Glück sprechen, dass der Blutfleck am Boden sie ablenkte, bevor sie ihm das ganze noch unangenehmer machte. Am Boden hockend sah sie skeptisch zu ihm auf, als er sein Bein vorschob, als müsste er sie von etwas Dummen abhalten. Die Augen zusammenkneifend, ließ sie ihren Blick sein Fuß das Knie hinauf, über die Körpermitte zu seinem Gesicht hoch wandern und starrte ihn kurz in einer Mischung aus Irritation und Genervtheit an. “Denkst du wirklich, ich hab vor, dran zu lecken?” fragte sie also mit einem Schnauben, ehe sie sich mit einem kleinen Ächzen auf die Füße erhob. Auch anfassen wollte sie fremdes, geronnenes Blut nicht wirklich…auch wenn es vielleicht etwas anderes als die Körperflüssigkeit hätte sein können, beschlich sie das stumme Gefühl der Überzeugtheit. Wusste sie doch, dass es Blut sein musste. Hatte oft genug den Farbton gesehen, konnte sich einbilden, den metallischen Duft wahrzunehmen, was sie erschaudern ließ. Es war Schwachsinn, so eine kleine Menge konnte nicht riechen und doch wurde ihr kurz schlecht. Demonstrativ die Arme verschränkend, wusste sie, dass es beinahe wirkte, als wäre sie sauer auf ihn. Doch lag es nicht an ihm, dass sie sich Körpersprachlich verkapselte. “Keine Ahnung, hab keine Wunde gesehen, aber er wirkte, als hätte er sich was eingeschmissen – oder Fieber. Oder beides. kann also sein, dass er sich bei der Aktion hier verletzt hat…oder vorher.” mutmaßte sie, war es doch ihnen beiden klar, dass das Blut von dem Typen stammen musste, der hier vorher kurz randaliert hatte, bevor er davon gestürzt war.
“Du fängst schon wieder an, Schwachsinn zu labern,” schnaubte sie, wusste er doch die spürbare Anspannung zu lockern und sie schüttelte mit einem Schnauben den Kopf. “Warte ruhig draußen, ich zieh mich eben um.” meinte sie also mit einer wegwerfenden Handbewegung. Mir passiert in den fünf Minuten schon nichts,” und auch die Nase musste sie sich nicht pudern. Allein der Gedanke ließ sie erneut schnauben. Weder eilig, noch unnötig langsam drehte sie ihm also den Rücken zu und stapfte zum Tresen um dahinter den Mitarbeiterbereich zu betreten. Dort wo ihre Schuhe standen und ihre Jacke hing. Den Kittel schob sie schon auf dem Weg ihre Schultern und Arme hinab, knüllte ihn zusammen, aber nicht ohne vorher die Karten aus den Taschen zu fischen und kurz in ihre Tasche zu stecken, ehe sie die Tür hinter sich schloss, ihr Laufwerk wechselte und die Lederjacke über das Shirt zog. Das Zopfgummi verschwand ebenso aus ihrem schwarzen Haar, und kurz fuhr sie sich mit der Hand durch diese, als sie wieder raus kam, ihre Tasche hinter dem Tresen hervor fischte und schließlich die Apotheke hinter sich ließ. Sie verschloss die Tür und warf den Schlüsselbund ebenfalls in ihre Tasche – hatte die Putzfrau doch ihren eigenen. “Von mir aus können wir,” meinte sie also, auch wenn es ihr in den Fingerspitze kribbelte, jetzt schon eine Zigarette anzustecken. Stattdessen nahm sie noch einen Schluck vom Kaffee, der inzwischen eher lauwarm als heiß war und auch nicht mehr allzu voll.
Szeneninformationen
Charaktere: Kwon Woo-Jin & Song Jieun
Szeneneinstellung: feste Postreihenfolge
Datum: 18. Juli 2026
Ein verdächtiges Schmunzeln umspielte noch die Lippen vom Baseballer, denn Ji-Eun stand mit verschränkten Armen vor ihm und bemaß ihn einem unverkennbaren Blick, der eine Mischung aus Misstrauen und Genervtheit in sich vereinte. „Mein größtes Kapital ist mein Charakter, danach kommt meine Gesundheit und mein Körper.“, betonte er nach ihrem desinteressierten Einwurf und musste leise lachen, weil sie seine Position auf dem Feld absichtlich wieder falsch hinstellte. „Ich bin nicht der Mann mit dem Schläger. Wir müssen das jeder trainieren, aber tatsächlich bin ich einer der Läufer und am schnellsten unterwegs. Wüsstest du, wenn du dich öfter blicken lassen würdest. Gibt ja auch gratis Hot Dogs und Getränke in der Lounge.“ Die überreichten Karten für das nächste Spiel am Wochenende, verschafften ihr nicht nur gute Plätze mit freiem Sichtfeld, auch den Zugang zu unlimitierten Goodies.
„Wir könnten die Nachrichten und das Fernsehen privat boykottieren, nur dann verpasst man leicht mal was Wichtiges.“ Unwetterwarnungen und Ausnahmezustände wurden per Handy angekündigt und überall in der Stadt starteten dann Sirenen, sowas übersah und -hörte niemand. Auf etwaige Geschichten zu Promi-Skandalen konnte er getrost verzichten. Klatsch und Trasch war eh nie seins, außer natürlich er bekam auf ihrem Campus mit, wie sich ihre Kommilitonen über sein Kätzchen unterhielten, dann machte der Sonnenschein große Ohren.
„Muss sein.“, plädierte Mr. Gesundheitsfanatiker im Werden auf ihr Seufzen, dass er sich nur zu einem Kompromiss hinreißen ließ. Erst essen, dann ihre Sucht befriedigen, auch wenn er sich andere, effektivere Alternativen vorstellen konnte, um ihren antrainierten Trieb für Nikotin auszuhebeln. „Sei froh, dass ich dich nicht mit einer Umgewöhnung nerve. Hätte da ein, zwei Ideen.“ Den Einwurf gab der Bursche unter einem Murmeln preis, das gar nicht bestimmt war, ihre Ohren zu quälen, denn er wusste, dass die junge Studentin sich weder verdrehen ließ, noch von ihren Zigaretten ablassen würde, außer irgendein unvorhergesehener Umstand nötigte sie dazu. Er musste mit ihrer kleinen Giftwolke einfach klarkommen, notfalls, so merkte sich Woo-Jin hielt er eben Kaugummi, Deo und einen Mini-LED Ventilator bereit, damit er ihren Glow-Up nach dem Rauchen bestens unterstützen konnte.
Abschätzend bewegte der Sportler den Kopf, er wägte das Ja und Nein zu ihrer Nachfrage ab, während seine braunen Teddybäraugen den roten Fleck am Boden anpeilten. Dann beobachtete er, wie ihr Blick an seinem vorgeschobenen Bein hinaufwanderte, wie sich ihre Augen leicht verengten und ihre Stimme diesen trockenen Unterton annahm, den er inzwischen beinahe mit ihr verband. Es faszinierte ihn jedes Mal aufs Neue, wie viel sie sagte, obwohl sie so wenig preisgeben wollte.
„Möglich?“, erwiderte er schließlich mit dieser angenehm warmen Stimme, die selbst dann nie an Schärfe gewann, wenn sie ihn anzickte. „Ich kenne da zufällig jemanden, der aus Trotz genau auf solche dummen Ideen kommen könnte. Blut ablecken, damit rumspielen, es verschmieren ..“ Dabei lächelten seine Augen sie an, noch bevor seine Lippen es vollbrachten. Sein Kätzchen erwähnte, dass der Mann gewirkt habe, wie jemand mit Fieber oder unter Drogeneinfluss, warum das Schmunzeln aus seiner Miene schwand. Er blinzelte nochmal zum kleinen Blutfleck. Zu klein, um wirklich beunruhigend zu sein, aber auch zu auffällig, um ihn ganz zu vergessen. „Hm.“, brachte er überlegend kund, mehr ein halbes Murren, dann nickte er langsam und schob die besorgten Gedanken beiseite. Ji-Eun lag sicher richtig, wenn sie davon ausging, dass es sich beim Kunden um einen Betrunkenen oder Kranken handelte. Die letzten Tage schienen die Menschen ohnehin merkwürdiger zu werden, trotzdem zwang sich sein Kopf fast automatisch dazu, Zusammenhänge zu suchen, obwohl es dafür überhaupt keinen Grund gab.
Erst ihre Aufforderung, draußen zu warten, holte ihn zurück. „Jawohl!“ Mit gespieltem Gehorsam hob er beide Hände. „Ich wage es nicht, einer furchteinflößenden Apothekerin zu widersprechen.“ Die Nebenjobberin trat weg und er schaute ihr nach. Der Kittel rutschte von ihren Schultern, während sie im Gehen bereits die Ärmel abstreifte. Es war erstaunlich, wie sehr dieses sterile Weiß sie von dem Menschen unterschied, der darunter steckte. Woo-Jin blieb noch einen Moment stehen, dann horchte er auf das Schließen der Tür vom Mitarbeiterraum im hinteren Ladenabschnitt.
Eilig schoss Jin voraus, zog aus seinen Jacken seine Geschenke und peilte die Theke mit ihrer Tasche an. Er prägte sich ein, wie sie da lag, öffnete leise den Reißverschluss, stopfte Pfefferspray & Co. hinein und schloss das Ganze wieder. Peinlich genau, achtete er darauf, dass die Tasche wieder genauso dalag, wie wenige Sekunden davor, erst dann sauste er in Richtung Ein- und Ausgang und verließ den Laden.
Die Luft war angenehm mild geworden. Neonlichter spiegelten sich auf den Scheiben der vorbeifahrenden Autos, irgendwo lachte eine Gruppe Studenten und vom Imbiss an der Straßenecke wehte der vertraute Duft von Gochujang, gegrilltem Fleisch und Sesam herüber. Woo-Jin löste sein Fahrrad vom Geländer, stellte es auf den Gehweg und wartete geduldig.
Die Dunkelhaarige brauchte nicht lange bis sie bei ihm auftauchte und er wandte sich zu ihr um. Sofort fielen ihm ihr offenes Haar auf, es fiel ihr locker über die Schultern, die dunkle Lederjacke ließ den weißen Kittel und alles, wofür dieser stand, mit einem Mal verschwinden. „Steht dir vieeeeel besser.“, sagte er mit einem sanften Lächeln und wies unauffällig auf ihre Lederjacke. „Definitiv mehr du.“ Ganz nebenbei, trat er einen Schritt zur Seite, legte wie selbstverständlich eine Hand an den Lenker und drehte das Fahrrad leicht, sodass sie sich setzen konnte, wenn sie wollte. Mit einem kleinen Kopfnicken deutete er auf den Sattel. „Mylady, darf ich Sie zu dieser Kutschfahrt einladen?“ Ihm war längst klar, dass sie das vermutlich ablehnen würde, dennoch fragte er jedes Mal. Fürsorge war für ihn nie davon abhängig, ob jemand sie annahm. Woo-Jin handelte da aus einem einfachen, persönlichen Prinzip.
Gemeinsam setzte sich das ungleiche Duo in Bewegung. Jin schob das Fahrrad ruhig neben sich her, während sie die Hauptstraße hinter sich ließen und den kleinen Park durchquerten, der den Weg zu den nächtlichen Imbissständen angenehm verkürzte. Der Lärm der Autos verlor sich allmählich hinter ihnen, wurde vom leisen Zirpen der Grillen und dem sanften Rascheln der Bäume ersetzt. Es war einer dieser Abende, an denen sich die Stadt friedlich anfühlte, als gäbe es nichts auf der Welt, das diesen Moment stören könnte. Eine Weile ließ er diese Ruhe einfach zwischen ihnen bestehen. Er wusste, dass Ji-Eun niemand war, der jede Stille mit Worten füllen musste, gerade deshalb mochte er sie.
„Wie läuft eigentlich deine Hausarbeit?“, fragte er schließlich und warf ihr einen kurzen Blick zu. „Du meintest doch letztens, dass du kurz davor warst, sie gegen die Wand zu werfen. Hat sie inzwischen überlebt oder musstest du sie schon mehrfach künstlich wiederbeleben?“ Ein belustigtes Lächeln legte sich auf seine Lippen, bevor ihm noch etwas einfiel. „Ach- .. und bevor ich es wieder vergesse!“ Fast ein wenig verlegen, fuhr seine kurzzeitig freie Hand über seinen Nacken und er merkte, dass seine Ohren aus Nervosität wieder leicht zuckten. „Im Kulturzentrum in Jung-gu findet nächste Woche ein kleiner Workshop statt. Ein paar ältere Damen bringen dort traditionelle Tänze bei. Nichts Großes, eher etwas Gemütliches. Dachte, das wär vielleicht was für dich? Unter der Woche ist dort meistens nicht viel los.“ Noch ehe seine bessere, dezent kratzbürstige Hälfte antworten konnte, deutete er mit einem Kopfnicken nach vorn und gab ihr die Chance erst gar nicht reagieren zu müssen. Er konnte sich dunkel erinnern, dass sie ihm einmal ausversehen steckte, früher getanzt zu haben und sowas speicherte sein Gedächtnis natürlich sofort ab.
Hinter den Bäumen schimmerte bereits das warme Licht der Imbissstände, über denen kleine Rauchschwaden in den Nachthimmel stiegen. Der Duft der scharfen Marinade wurde mit jedem Schritt intensiver und sein Durst nach einer kühlenden Bananenmilch umso größer. „Finden wir erstmal heraus, ob dein Maeun Tteokkochi wirklich so scharf ist, wie du behauptest.“ Über einen gesetzten Schulterblick sah er seine beste Freundin halb mäkelnd an. „Ich habe nämlich den Verdacht, dass du mich gerade sehenden Auges in mein Verderben führst.“ Wortwörtlich, inklusive Bauchschmerzen über Nacht, wenn er nicht mit der Schärfe aufpasste.
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Charaktere: Kwon Woo-Jin & Song Jieun
Szeneneinstellung: feste Postreihenfolge
Datum: 18. Juli 2026
Nur mit Mühe unterdrückte sie ein genervtes Stöhnen – und ein weiteres Augenrollen, wie oft noch, bis ihr die Augen im Hinterkopf stecken bleiben würden, nur weil sie diese standardisierte Reaktion nicht bleiben lassen konnte? Ein Mythos, den sie nicht unbedingt herausfordern wollte, kamen ihr doch diverse, bessere Schicksale in den Sinn, als wegen zu geringer Geduld zu erblinden. “Und Bescheidenheit gehört nicht gerade dazu,” merkte sie trocken an. Eine Tugend, die er nicht besaß und doch deutlich weniger grausig war, als ihre eigenen, nicht vorhandenen. “Ich hab allgemein keine Ahnung von Sport,” oder Interesse. Doch das verkniff sie sich, biss sich leicht auf die Zunge, auch wenn sie nicht anerkennen wollte, dass sie sich seinetwegen in ihrer Biestigkeit ausbremste. Dabei hatte Woojin echt, sein Charakter war nicht…schlecht. Und er machte es ihr schwer, ihn abzublocken und wegstoßen, schienen Kommentare doch einfach abprallen und mit einem sonnigen Lächeln förmlich ausgebleicht zu werden, egal wie giftig sie sich gab. Und ab und an hatte sie einfach keine Energie mehr, es überhaupt zu versuchen, auch wenn es zum Automatismus geworden war, anderen gemeine Dinge an den Kopf zu werfen.
“Ich mag keine Hot Dogs..” murrte sie also stattdessen und sah nicht ein, ein schlechtes Gewissen zu bekommen, nur weil sie nicht seinetwegen angetanzt kam. Doch egal wie sehr sie sich sträubte und dagegen wehrte, ein wenig…saß der Kommentar dennoch. Wusste sie doch ganz genau, dass er ihretwegen Umwege machte, dauernd angelatscht kam und irgendwas für sie mitbrachte… Aus ihrer Komfortzone zu kommen, wäre eigentlich das Mindeste, was sie ihm zurückgeben könnte – was vielleicht auch Grund dafür wurde, wieso sie die Karten annahm, die er ihr mit roten Ohren entgegen streckte. ”Jetzt gerade sollten wir vielleicht besser up-to-date bleiben,” gab sie also zu und seufzte erneut. Auch wenn die ganzen Schlagzeilen wirr durcheinander geworfen wurden, hatte er recht und man könnte so auch wichtige Informationen verpassen, auch wenn sie glaubte, dass besonders wichtige Dinge ohnehin zu spät an die Oberfläche drangen.
Für ihn jedoch ging sie ohnehin mehr Kompromisse ein, als sie wollte, oder ihr sonst jemand aufdrängen könnte. Aussprechen tat sie dies nicht und hoffte einfach, dass er es nicht bemerkte – oder ansprach. Das Rauchen also schob sie nach hinten, auch wenn es den Hunger unterdrückte, der sich so etwas mehr in den Vordergrund schieben konnte, so dass sie ein leichtes Grummeln in der Bauchgegend überhaupt bemerkte. Behaupten, sonderlich gesund zu leben, tat sie immerhin nicht und es war ihr auch ziemlich egal. Der Gedanke daran, dass es ihn jedoch scherte, war seltsam…warm. “Du kannst es ja versuchen Präsident Gutmensch, aber an mir beißt du dir die Zähne aus,” versprach sie also beinahe schon, kniff leicht die Augen zusammen, weil er eine Umgewöhnung garnicht erst versuchen sollte – immerhin wäre sie auf Koffein- und Nikotinentzug gleich dreifach so ätzend und damit wahrlich eine unausstehliche Gesellschaft.
Von ihrer Position am Boden aus wirkte er gleich umso größer, auch wenn seine Haltung und die warmen Knopfaugen nicht gerade bedrohlich wirkten, fühlte sie sich so klein und kauernd nicht sonderlich wohl. Doch es war der Blutfleck, der sie nachdenklich und zweifelnd zurückließ, auch wenn sein Kommentar ihr ein Schnauben entlockte, noch während sie sich erhob. “Also meines Wissens nach, bin ich noch nicht zum Vampir geworden und hab auch noch keinen Blutfetisch entwickelt,” sie kräuselte etwas angeekelt die Nase und schüttelte den Kopf, auch wenn seine Worte ihr ein kaum merkliches Lächeln entlocken. Seine Augen waren och wärmer als seine Stimme, und so vermied sie, ihn länger anzusehen, geschweige ihm ihre gehobenen Mundwinkel zu zeigen, während sie schließlich von dem unangenehmen Kunden berichtete, der sein Lächeln so rasch weg wischte, wie Scheibenwischer eine geplatzte Mücke auf der Frontscheibe. “Pff-” gab sie schließlich von sich, war es doch besser die verstrichene Situation nicht weiter zu analysieren und sein folgender Gehorsam war eine willkommene Abwechslung zu ihrem stressigen Tag. Was er während ihres Umziehens alles in ihre Tasche schmuggelte, ahnte Jieun ja nicht, noch bemerkte sie es direkt und trat hinaus in die frische Abendluft, während sie die Arbeit und Gedanken von zuvor abschüttelte.
“Definitiv” stimmte sie seinem Kompliment möglichst unbeeindruckt zu und grub sich etwas mehr in die oversized geschnittene Lederjacke hinein, ließ ihre Hände in die Taschen gleiten und verschwand ein wenig in dem alten, weichen Stoff. “Tut gut, den Kittel los zu werden, ich mag Ärzte nich,” aus guten Gründen, war ihr Vater doch ihr größter Albtraum in weiß. Und vielleicht der Grund, wieso sie selbst nie als Ärztin würde arbeiten können, auch wenn sie ohnehin die unfreundlichste Krankenschwester oder Pflegeperson werden würde, die die Welt zu bieten hatte. Auch nicht gerade besser. “Weiß steht mir sowieso nicht.” tat sie mit einem Schulterzucken ab – und fand sich in ihrer Garderobe auch nicht gerade wieder. Schwarz und grau dominierte, ab und an mal etwas Erdiges oder Dunkelblaues. “Abgelehnt,” brummte sie und blinzelte langsam um die kitschige, prinzenhafte Einladung zu verdauen. “Ich hab zwei gesunde Füße.” Lüge. Doch ein Teil von ihr fürchtete sich beinahe davor, wie es wäre, ihm zu nah zukommen. Seicht fröstelnd schüttelte sie demonstrativ den Kopf und streckte das Gesicht gen Nachthimmel. Kalt, aber nicht beißend. Angenehm. Ruhig und friedlich beinahe. Und sie genoss, dass sie einander schweigend Gesellschaft leisten konnten, dass er nicht immer die Stille füllte, aber die Leere nahm. “Oh, frag lieber nicht. Die Antwort wird dir nicht gefallen,” fast belustigt kräuselte sie die Nase. “Hab sie zerissen, vielleicht sollte ich das Studium wirklich schmeißen,” nicht mehr als eine Überlegung, der sie nicht wirklich nachging und doch manchmal eine gute Idee, wie sie fand.
Die Belustigung hörte sie deutlich in seiner samtigen Stimme auch ohne ihn anzusehen, und doch ließ der Ton sie aufsehen und einen Blick zur Seite hinüber werfen. Die Augenbrauen zogen sich leicht zusammen, noch während er sprach, abwartend und doch stumm mit Kritik aufwartend, noch bevor sie wusste, worauf er hinaus wollte. Zurück blieb…stilles Staunen. Verwunderung. Ein Hauch Überraschung, die sie innerlich seltsam wund fühlen ließ–
Tanzen, war für sie noch immer ein schmerzliches Thema, etwas, das sie vorsichtig betrachtete und betastete, endete es doch oft in Frust und stummer, brodelnder Wut. Weil sie nicht mehr konnte, wie sie wollte, weil es weh tat, ihr geraubt worden war, so wie der Großteil ihrer Unschuld. Stockend einatmend wusste sie einen Moment tatsächlich nicht, was sie sagen sollte, oder wollte – was bei Jieun selten vorkam.
Doch Woojin wäre nicht er, wenn er nicht einen Ausweg bot, stattdessen nach vorn deutete und sie von ihrem Zwiespalt ablenkte. Die Lippen aufeinanderpressend, atmete sie langsam durch die Nase aus, schob das Ekelgefühl von sich, ebenso wie den Drang sich eine Zigarette anzuzünden, oder ihre Nägel in ihre Haut zu bohren. Konzentrierte sich stattdessen auf seine Stimme, die sich über die Schärfe ihres gewünschten Gerichts beschwerte.
“Du kannst auch die Softie-Version bestellten, dann blamierst du dich nicht.” bot sie an, fast neckend, doch die Stimme ein wenig heiserer als vorher. "Aber ich will mir die Seele rausbrennen. Sonst bin ich nicht happy mit dem Laden."
Szeneninformationen
Charaktere: Kwon Woo-Jin & Song Jieun
Szeneneinstellung: feste Postreihenfolge
Datum: 18. Juli 2026
Nach einer eifrigen Überlegung kam der Baseballer zum Schluss, dass er keinen Präsidenten in der Geschichte der Menschheit kannte, der über den makellosen Charakterzug der Bescheidenheit verfügte. Unter seinem neuen Titel als 'Präsident-Gutmensch' reihte er sich unfreiwillig mit in die Reihe dieser Politiker ein. „Oh, wow, neuer Kosename. Fortschritt.“ Grob betrachtet sogar ein Großer, aber das machte Jin nicht zu einem Aufhänger, sonst würde ihn Ji-Eun mit giftigen Blicken taxieren und die knallten richtig. „Bei deiner dunklen Kleiderwahl könnte man übrigens doch denken, dass du einen vampirischen Fetisch besitzt.“ Ohne Kitzel, frei vom Weiß, wirkte ihre zierliche Gestalt in den oversized Klamotten, allesamt in dunklen Tönen, sehr düster und bekanntlich mochten Illustratoren von Dark Romance genau die gleiche Farbgebung. Auf der anderen Seite, könnte seine beste Freundin, genauso gut, ein halbes Goth- oder Emogirly sein, aber beide Genre-Richtungen passten nicht zu 100% zu ihrem freigeistigen Verhalten, das er an ihr wertschätzte.
Schubladendenken war eh nicht seins, und, wenn man sich die Mühe machte (und, das tat er), erkannte man auf den zweiten Blick direkt, dass Song Ji-Eun keine Stereotypen bediente und in keine Nische passte, was sie ihrer Einzigartigkeit verdankte. Bevor der Student jedoch in Gedanken auf seiner eigenen Schleimspur ausrutschte, besann er sich lieber und besser auf den Weg vor ihnen, durch den nahezu friedlich wirkenden Park. „Ach, mein armes, muskelbepacktes Herz.“ Einmal rieb der Dunkelhaarige sich über die Brusthälfte, unter der sein Lebensmuskel pochte, und verarbeitete kläglich in Szene gesetzt, ihre Abfuhr zur kostenlosen Kutschfahrt. „Du bist heute echt sehr verneinend mir gegenüber. Hast du heute deinen Nein-Tag?“ Die Möglichkeit eines solchen Umstands bestand tatsächlich und er machte sich nicht darüber lustig, nahm die Variable als Selbstverständlichkeit hin, denn einmal im Monat musste die weibliche Bevölkerung unter einem Zyklus leiden, der sie alle für eine Woche in Gremlins verwandelte. „Ich komm' klar, das nicht die erste Abfuhr.“ - und nicht ihre Letzte, was den Burschen aber nicht im Gegrinsten abschreckte. Dieses freundschaftliche Hin- und Her war inzwischen so normal, wie das tägliche Nachrichten schreiben seinerseits, auch, wenn er Ji-Eun sicher manchmal damit überforderte.
Leise klackernd rollte sein Rad neben ihm her. Die Reifen strichen leise über die Pflastersteine, seine Hand lag entspannt am Lenker, während die andere zwischendurch in seine Jackentasche wanderte. Der Weg führte sie tiefer zwischen die Bäume, fort von den großen Straßen und dem geschäftigen Strom der Stadt. Warme Laternen warfen goldene Flecken auf den Boden, und zwischen den dunklen Ästen schimmerten noch vereinzelte Fenster der umliegenden Hochhäuser. „Schmeißen würdest du dein Studium nie, nur deine Zettel und Hausarbeiten fliegen regelmäßig rum.“ Augenblick veränderte sich sein humorvoller Ausdruck in etwas Ruhigeres, er wirkte ernster, aber nicht minder zugänglich, wie immer. Er erinnerte sich an ihre zerknitterten Notizen, an die Male, in denen sie sich über Dozenten beschwerte, und trotzdem bis tief in die Nacht an irgendetwas saß, weil sie es eben doch unbedingt fertigbekommen wollte. „Hast du sie zerrissen, musst du wohl eine Neue schreiben. Ich hörte, dass dieser Gutmensch-Präsident hervorragend der Aufstellung von Inhaltsangaben und Satzbaugestaltung sein soll, ... und er hätte Termine frei?“ Bloß ein Angebot, hingeworfen vor ihre Füße, und die Jüngere entschied, ob sie es annehmen oder niedertrampeln wollte. Gedankenverloren strich sein Daumen über den Lenkradgriff, dann wandte er leicht den Kopf zu ihr und zwinkerte. „Bei ner' Hausarbeit geht's drum, ob du den Stoff verstanden hast, nicht, wie du die beste Note erreichst. Das sind zwei verschiedene paar Schuhe. Die Ersten sind bequemer.“ Es war ein einfacher Satz, beinahe beiläufig gesprochen, und doch lag in seiner Stimme genug Aufrichtigkeit, dass er damit wahrscheinlich mehr meinte als nur eine Hausarbeit. Woo-Jin ließ es dabei bewenden. Er wusste, wann Worte helfen konnten und wann es besser war, einen Menschen nicht zu bedrängen. Genau deshalb, verlor er über das Kulturzentrum kein Sterbenswörtchen mehr, denn ihre ausbleibende Reaktion sprach Bände. Er ignorierte es nicht, sah er sehr genau, wie stockend sie Luft holte und ihre gerade noch belustige Stimme war heiser. Da war er also gerade wieder schön ins ... Fettnäpfchen gestürmt.
Die angebotene Softie-Version vom Essen veranlasste den Sportler auf Trab zu einem angenehmen, lauen Auflachen, das die Situation vielleicht auflockern konnte. „Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich mich jetzt noch drücken kann?“, erwiderte er mit jener warmen, samtigen Tonlage, die selbst seine neckischen Bemerkungen weicher zauberte. „Du hast höchstpersönlich angekündigt, dir die Seele aus dem Leib brennen zu wollen. Da kann ich schlecht als Zuschauer daneben stehen.“ Ji-Eun neckte noch, das war ein gutes Zeichen. Es waren diese kleinen Regungen, die er mochte. Nicht, weil er sie unbedingt hervorlocken wollte, sondern weil sie ihm jedes Mal verrieten, dass sie sich in seiner Nähe zumindest ein kleines bisschen weniger gegen die Welt stemmen musste.
An den Seiten standen überall Jasminsträucher, die Blüten schwer von ihrer eigenen Fülle. Ihr Duft lag in der Luft, süß und beinahe cremig, vermischte sich mit dem würzigen Geruch von gegrilltem Fleisch. Woo-Jin atmete tiefer ein und lächelte unwillkürlich. „Jetzt hab‘ ich Hunger ...“, murmelte er als wäre das eine höchst überraschende Erkenntnis, obwohl sein Magen vermutlich schon seit zehn Minuten protestierte. Sein Blick ging kurz nach vorn, seine Gedanken streiften die Karten in ihrer Tasche und damit auch die vielen Male, in denen Kollegen ihn gefragt hatten, warum Ji-Eun eigentlich immer wieder zu seinen Spielen kam, obwohl Baseball ganz offensichtlich nicht ihr Ding war. Jin führte das Fahrrad mit einer kleinen Bewegung um eine entgegenkommende ältere Dame herum, dann legte sich ein schiefes Lächeln auf seine Lippen. Die Erinnerung daran, wie er ihr früher nach Spielen mit leuchtenden Augen von irgendeinem besonders guten Spielzug erzählte, blitzte in ihm auf. Sie hatte meistens so getan als wäre es ihr völlig egal gewesen, und trotzdem hatte sie erstaunlich oft genau gewusst, an welcher Stelle er sich über etwas ärgerte.
Je näher sie dem Ende des Parks kamen, desto deutlicher wurde der Geruch des Essens. Würzige Soße, gerösteter Sesam, gebratenes Fleisch und diese schwere Süße von Gochujang lagen in der warmen Luft und wurden mit jedem Schritt intensiver. Zwischen den Bäumen tauchten schließlich die ersten Lichter der Stände auf, kleine Inseln aus Wärme und Farbe inmitten der dunkler werdenden Wege. Woo-Jin sah kurz zu Ji-Eun hinüber und bemerkte die kaum sichtbare Veränderung in ihrer Miene. „Da vorne.“, sagte er zufrieden und trotzdem mit leichten Kopfschmerzen. „Das sieht verdächtig nach deinem Abendessen aus.“
Wenig später erreichten sie den kleinen Stand, an dem eine ältere Frau hinter dem Grill stand und mit ruhigen, geübten Bewegungen Spieße wendete. Der freundliche Ausdruck in ihrem Gesicht wurde sofort wärmer, als sie die beiden näherkommen sah, und Woo-Jin begrüßte sie mit einer höflichen Verbeugung, bevor er sich nach ihren Empfehlungen erkundigte. Er bestellte zwei üppige Portionen, mitsamt Getränken und die Dame wies die jungen Erwachsenen in ein anliegendes Zelt, das über Bänke und Tische verfügte. „Geh' vor, bin gleich bei dir.“, meinte er nickend zu Ji-Eun, ehe er ungefragt bezahlte und die alte Verkäuferin seiner Besten die Gläser wie Getränke rüberreichte. Ausnahmsweise hatte er Ji-Eun sogar neben der Sprite eine kleine Flasche Soju mitbestellt.
Jin schob er sein Fahrrad an die Seite des kleinen Platzes und stellte es ordentlich ab, kontrollierte zweimal den Ständer und schob den Lenker gerade, bevor er sich zum Zelt zurück aufmachte. Er kam nicht drumherum, die Wege nach etwas Verdächtigem abzusehen, bevor er nach der Brünetten suchte und sich zu ihr an den Tisch setzte. Er ließ die Ruhe dieses Augenblicks auf sich wirken und sah mit einem kleinen, zufriedenen Lächeln zu Ji-Eun hinüber. „Also ...“, meinte er schließlich, verschränkte die Hände locker vor sich auf dem Tisch und musterte sie mit ehrlicher Neugier: „.. wie schlimm ist diese Hausarbeit wirklich?“ Sein Lächeln wurde breiter, während er kurz den Kopf schief legte und in Richtung des Standes sah, von dem gerade ein weiterer Duftschwall zu ihnen herüberzog.
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