02.08.2026, 22:39
Szeneninformationen
Für ihren Lohn musste sie kein falsches Lächeln aufsetzen, ebenso wenig unnötig höflich und formell sprechen. Lieber war es ihr ohnehin, wenn kaum jemand vorbei schneite, und sie einfach neue Chargen einsortieren konnte, alte aussortierte und statt sie wegzuschmeißen weil sie knapp abgelaufen waren, einzustecken. Natürlich ganz legal, naja…semi, aber zumindest mit ihrem Chef abgesprochen. Der ältere Mann war gütig und nahm vieles nicht ganz so strikt, und auch wenn sie sonst eine natürliche Abneigung gegen ältere Männer hegte, fand sie ihn ganz okay. Zumindest erträglich.
Sonderlich häufig lief sie ihm ohnehin nicht über den Weg, war er doch zu alt geworden, um Tag ein Tag aus in seinem Geschäft zu arbeiten und suchte händeringend jemandem, der die Apotheke übernehmen konnte.
Aber auch das, nicht ihr Problem.
Was jedoch ihr Problem war; störende Kunden. Unordnung im Laden oder Diebstahl, doch als sie nun bei dem kleinen Klimpern kurz den Blick hob und versuchte nicht ganz so feindselig dreinzuschauen, erkannte sie ein bekanntes Gesicht….das definitiv kein Kunde war. Ein Teil von ihr atmete erleichtert ein, ein anderer seufzte tief.
Zumindest nicht noch so ein Spinner wie vorhin.
Kurz hielt sie inne, hatte sie doch begonnen, die Theke und den Bereich dahinter neu zu ordnen, und ließ den Blick kurz dem von Woojin folgen, besah die halbleeren Regale, die ein wenig geplündert wirken. Wie der stille Vorbote einer weiteren Katastrophe. “Vermutlich Letzteres – ich hatte schon ein paar Durchgeknallte hier.” gab sie mit einem Schnauben von sich. Neben Verschwörungstheoretikern, auch einfach überbesorgte Kundschaft, die sich für die nächste Grippewelle wappnen wollte, oder für ihren fiebrigen Mann oder Kind Medikamente brauchte. “Zumindest über den Umsatz kann sich kein Schwein beschweren.” ihre Ruhe hätte Jieun trotzdem lieber, wollte keine tausend Fragen beantworten, immerhin war die Studentin weder Google, noch ChatGPT noch ein Apotheker. Nur eine verdammte Aushilfe. “Die Vitamingummis gibts schon, Regal 4, Reihe 3.” kam ihr die Antwort trocken über die vollen Lippen und nun seufzte sie doch, tief und langgezogen. Die Frage danach, was ihn um die Uhrzeit hertrieb, stellte sie inzwischen nicht mehr. Hatte sich damit abgefunden, dass er es genoss, sie zu nerven und seine “positive Energie” wohl einfach auch hier versprühen wollte. Vielleicht um ihr resting-bitch-face auszugleichen. “Genauso zufällig wie du immer hier vorbei fährst.” kommentierte sie also mit einem Augenrollen, aber statt den Kaffeebecher anzustarren als würde er sie mit einem giftigen Apfel umbringen wollen, nahm sie ihn tatsächlich an. Weil sie eh gleich Feierabend hatte, die letzten dreißig Minuten zogen sich wie Kaugummi.
Seine nächste frage entlockte ihr ein weiteres, fast abfälliges Schnauben, so dass sie sich fast an dem dunklen Kaffee mit dem Vanilleshot verschluckte. Mit einem Räuspern deutete sie überdeutlich nach links. “Wenn du nichts Besseres zu tun hast, als sich in deiner Freizeit von Pharmaunternehmen ausbeuten zu lassen, nur zu. Vorhin war so ein Spinner da, der die Hälfte des Regals ausgeleert hat. Ich kam noch nicht dazu, es wieder ganz zu richten.” ihre zusammengezogenen Augenbrauen und der Zug um ihre Lippen zeigte, wie seltsam sie den Vorfall wirklich befand. “Einige der Kunden stehen etwas neben sich und mich würds nicht wundern, wenn´s bald wieder zu weiteren Panikkäufen kommt. Nicht nur hier, sondern auch wieder Klopapier und so ein Scheiß.” warm rann ihr der Kaffee den Hals hinab, während sie den Becher abstellte. Mit wachsenden Kopfschmerzen beobachtete sie wie ihr Besucher nicht nur Handcreme probierte, sondern auch Einkaufskörbe ordnete, als wäre es wirklich seine Aufgabe. “Mir ist Waschmittel lieber, als wenn ich jedes Mal das Gefühl habe in einer klebrig-stickigen Parfümerie zu sehen, nur weil jemand Gratisproben leert.” so zuckte sie also leicht mit den Schultern, ob es nun Trend war, wusste sie nicht und ausprobiert hatte sie die Handcreme selbst auch nicht. Dafür diverse Schmerzmittel und -cremes sowie Gele, für ihren Knöchel, oder besagte Kopfschmerzen. Gutmenschen wie ihn würde sie nie verstehen, die über eine Duftnuance lächelten, wie selbstverständlich und ohne Vorteil für sich aushalfen, während die Welt um sie herum in Semi-Hysterie versank.
Die nächste Aussage jedoch ließ sie die Arme verschenken und ihn beinahe über den Tresen hinweg anfunkeln. “Ich kann auf mich aufpassen, also hör auf mit der Leier.” schnappte sie leicht und schüttelte abwehrend den Kopf. “Da wir nur Kartenzahlung nehmen, gibts hier an Geld nichts zu holen, und wer irgendwelchen “Stoff” will, ist hier auch falsch und sollte es lieber im Krankenhaus probieren. Notfalls werf ich halt mit nem Granitmörser oder einem Nachfüllkanister an Desinfektionsmittel – wobei die gerade etwas knapp sind..” sinnierte sie also mit höchst ironischem Unterton um ihm aufzuzeigen wie lächerlich seine sorgenvollen Gedanken für sie erschienen. ”Du, bist komisch.” betonte Jieun also, dabei war komisch für ihren sonstigen Wortschatz fast schon freundlich. Nachdem sie nun mit der Theke und dem Hauptbereich der kleinen Apotheke fertig war, schob sie sich um den Tresen herum, peilte den gang an, der vorhin durcheinandergebracht worden war, hatte der Kerl doch Packungen aus dem Regal gerissen und war bei ihrer nicht sonderlich netten Ansprache, etwas unkoordiniert davon gestolpert, so dass er einen Aufsteller verschoben und ein paar dortig ausgestellten Waren durch den Zusammenprall herunter gepurzelt waren. “Bin ich froh diesen lächerlichen Aufzug abzulegen..” murrte die Schwarzhaarige in sich hinein, zupfte an dem Kittel mit Schild und Logo, immerhin durfte sie hier nicht einfach im Privataufzug chillen und Medikamente und Haushaltsmittel verkaufen.



